Bremsflüssigkeit

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qwer37
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Bremsflüssigkeit

Beitrag von qwer37 » Sa 15. Jun 2019, 18:42

Im Markt zu finden sind aktuell mehrere verschiedene Flüssigkeiten . Die Bezeichnungen sind DOT4, DOT5.1, DOT5 und LMH (für ältere Fahrzeuge wird noch DOT3 vorgeschrieben, das ist aber nicht mehr erhältlich und kann durch DOT4 ersetzt werden).
Diese Flüssigkeiten lassen sich in drei Gruppen aufteilen:
- die Polyglykol bzw. Borat-Ester-basierenden Bremsflüssigkeiten gemäß DOT3, 4 und 5.1
- die Siliconöl-Flüssigkeit DOT5
- die auf Mineralöl basierende LHM (speziell für Citroen, im folgenden nicht mehr erwähnt).
Die drei Buchstaben DOT stehen für das “Department Of Transport“ der USA, die Zahlen sind zur
Unterscheidung eingeführt (etwas unglücklich war die Wahl bei DOT5 und 5.1, die sich deutlicher
unterscheiden als die Zahlen ausdrücken).
Die Wirkung der hydraulischen Bremsen beruht auf der Eigenschaft von Flüssigkeiten, praktisch nicht kompressibel (zusammendrückbar) zu sein. Damit wird die vom Handbremszylinder eingeleitete Kraft weitgehend verlustlos auf die Radbremszylinder übertragen (nur geringer „Reibungsverlust“ gegenüber Bowdenzügen). Wird eine Bremsflüssigkeit jedoch bis zur Blasenbildung erhitzt (über ihren aktuellen Siedepunkt hinaus), geht diese Eigenschaft verloren, die Dampfblasen können zusammengedrückt werden, ohne große Kräfte zu übertragen. Dieses übermäßige Erhitzen passiert natürlich gerade dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, bei starker Beanspruchung der Bremsen, z.B. bei langen Paßabfahrten mit viel Gepäck und Beifahrer. Deswg. ist es empfehlenswert, den vielleicht erst zum Winter geplanten Bremsflüssigkeitswechsel vor der Urlaubsfahrt machen zu lassen. Dampfblasenbildung kann zum teilweisen oder auch zum kompletten Ausfall der Bremse führen.
Teilweiser Ausfall:
Es haben sich nur wenige Dampfblasen gebildet bzw. die Blasenbildung setzt erst ein. Der zur Verfügung stehende Hebelweg reicht noch aus, um die Dampfblasen zusammenzudrücken und dann Kraft auf die Bremse auszuüben. Das Bremspedal bzw. der Handbremshebel fühlen sich weich oder schwammig an,lassen sich weiter als normal ziehen (treten), die Bremswirkung ist schlechter als normal.
Totalausfall:
Es haben sich große Dampfblasen gebildet. Der Hebelweg reicht nicht mehr, um die Dampfblasen
zusammenzudrücken, es wird keine Kraft mehr auf die Bremse übertragen. Der Handbremshebel läßt sich bis zum Lenker anziehen ohne Bremswirkung zu zeigen. Gleiches gilt für das Fußbremspedal, es läßt sich bis zum Anschlag durchtreten ohne Bremswirkung zu erzielen. Mit ein wenig Glück kann durch schnelles Pumpen noch Druck aufgebaut werden, aber meistens ist es dann schon zu spät.
Dampfblasen treten bereits unterhalb des Siedepunktes auf. Das ist der Zeitpunkt, zu dem die Bremse anfängt, sich schwammig anzufühlen.
Die vorgenannten Bremsflüssigkeiten unterscheiden sich, außer natürlich in der chemischen
Zusammensetzung, in ihren, vom Department of Transport festgelegten Spezifikationen.
Die für den Anwender wichtigen Daten sind der „Dry Boiling Point“(Trockensiedepunkt), der Siedepunkt der trockenen (aus einem frischen Gebinde entnommenen) Bremsflüssigkeit und der „Wet Boiling Point“(Naß-Siedepunkt), der Siedepunkt einer Bremsflüssigkeit nach Wasseraufnahme.
Die Flüssigkeiten DOT3, 4 u. 5.1 (Polylykole) sind hygroskopisch, d.h. sie nehmen Wasser auf. Je höher dieser Wasseranteil wird, desto mehr sinkt der Siedepunkt der Flüssigkeiten (s.Tabelle unten). DOT5 Silikonölbremsflüssigkeit (Polysiloxane) nimmt praktisch kein bzw. extrem wenig Wasser auf (deswg. werden DOT3, 4 u. 5.1 in versiegelten Blechkanistern (wasserundurchlässig) verkauft, während DOT5 in
wasserdurchlässigen Plastikflaschen* erhältlich ist.

Die Mindestanforderungen an Bremsflüssigkeiten sind in verschiedenen Normen diverser
Normungsstellen festgelegt, sie unterscheiden sich jedoch nicht in den für uns wichtigen Daten bzgl. Trocken- u. Nassiedeverhalten. Die Normen sind SAE J1703(SAE=Society of Automotive Engineers, USA), ISO 4925 (ISO=International Standards Organization) und FMVSS 116 (FMVSS=Federal Motor Vehicles Safety Standards, USA).

Bild

Die meisten der heute erhältlichen Bremsflüssigkeiten der namhaften Hersteller übertreffen die jeweiligen Mindestanforderungen. Besonders herausragende Produkte werden häufig mit z.B. +, PLUS, Super,Racing o.ä. gekennzeichnet (natürlich auch mit mehreren der Superlative, z.B. Castrol SRF=Super Racing Fluid!, die wohl beste, aber auch teuerste mir bekannte Bremsflüssigkeit, ca. 8x teurer als DOT4, Naß-Siedepunkt 270°C, Trockensiedepunkt unglaubliche 310°C. Verwendet z.B. in Porsche Bremsen). In der Regel läßt sich jedes Produkt eines bekannten Herstellers verwenden, wenn es den Spezifikationen des Fahrzeugherstellers entspricht, also eine entsprechende DOT-Bezeichnung trägt. Dabei ist unbedingt zu beachten, daß die Flüssigkeiten DOT3, 4 u. 5.1 normalerweise untereinander mischbar sind, diese drei jedoch nicht mit der
von H-D bei Evo’s u. TwinCams (bis 2004, danach DOT4!!!) verwendeten DOT5 Bremsflüssigkeit auf Siliconbasis.
Sollte, aus welchen Gründen auch immer, ein Wechsel auf eine andere als die Original DOT5
Bremsflüssigkeit geplant werden, muß die Bremsanlage vorher komplett gereinigt werden (ein
Komplettaustausch aller Bremsenteile wird in einigen Literaturstellen empfohlen). Alle Reste von DOT 5 müssen aus dem System entfernt werden. Dies ist am Besten durch Austausch der Bremsleitungen (z.B. anläßlich des Wechsels auf Stahlflexleitungen) sowie komplettes Zerlegen der Bremszylinder und Bremssättel zu erreichen. Zur Reinigung von Bremszylinderteilen kann Alkohol (z.B. IsoPropanol) verwendet werden. Alle Reste von Reinigungsflüssigkeiten müssen komplett entfernt werden (Trocknen durch Erhitzen, Ausblasen mit trockener, ölfreier Druckluft o. Stickstoff).
Nichtbeachtung dieser Reinigung kann beim daraus resultierenden Mischen von DOT3/4/5.1 und DOT5 zur Gelierung der Mischung führen. Dies führt schlimmstenfalls zum Ausfall der Bremse, mindestens aber zur Beeinträchtigung ihrer Funktion.

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Der 808er
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Re: Bremsflüssigkeit

Beitrag von Der 808er » So 16. Jun 2019, 18:26

Moin Chris,

geiler Beitrag...hatte ich auch schon mal auf dem Schirm...aber aus Zeitgründen in den Winter verschoben.
Schöne Grüsse aus dem gallischen Dorf Feldhausen
euer "Der alte Mann" Lars
Wo Feuer ist,ist auch Qualm und wo Qualm ist, ist mein 808 nicht weit !!!
Der Vorteil ist bei einem 808 : GROSS-LANG-BREIT-HOCH-PLATZ-jetzt auch schnell

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